
Bericht aus der "Pfälzischen Rundschau" vom 18. November 1911.
Ein für unsere Gegend seltenes, außergewöhnliches Naturereignis, das bei vielen ängstlichen Gemütern Furcht und Schrecken verbreitete, war gestern Donnerstag Abend 10 Uhr 26 Minuten in unserer Stadt und der weiteren Umgebung, herauf bis nach Mitteldeutschland und teilweise auch in Italien und Österreich wahrnehmbar.
Um die genannte zeit vernahm man plötzlich ein dumpfes unterirdisches Rollen, dem unmittelbar darauf ein heftiges Erdbeben folgte. Die Erschütterung war so gewaltig, daß die Häuser wankten, Möbel, Gasleuchter, überhabt alle freihängenden Gegenstände in pendelnde Bewegung gerieten, die Gläser in den Schränken aneinander klirrten, frei im Zimmer stehende Personen schwankten u. sich schnell an Gegenstände anklammerten, da sie glauben umzufallen; Auch Wanduhren blieben stehen. Und wer bereits im Bette lag, kam mit seiner Ruhestätte in eine schaukelnde Bewegung. In vielen Häusern knarrten und knirschten Wände und Türen, die Möbel und Stühle hoben und senkten sich, man hatte das Gefühl, als wenn sie umstürzten. Wer auf einem Stuhl saß, wurde hin u. her geschleudert, kurz in den Behausungen schien nichts mehr niet- und nagelfest zu sein. diese ungewöhnliche Erscheinung zu so später Abendstunde wirkte auf viele Personen geradezu unheimlich und schreckenerregend. Man stürzte an die Fenster und fragte sich gegenseitig, was das zu bedeuten habe. Vor allem waren viele ängstliche Frauen und Kinder tief erschrocken; sie fingen laut zu schreien an und glaubten, die Häuser stürzten ein. Bald war man sich klar, daß es sich um eine Erderschütterung handele, wie man sie in solcher Intensität hier noch nicht erlebt hatte. Angsterfüllt, es möchten noch weitere Stöße kommen, verließen viele Personen ihr nächtliches Lager, kleideten sich hastig an und eilten auf die Straße, auch aus vielen Wirtschaften, wo die gefüllten Gläser schaukelten, stürzten die Gäste heraus, um nach der Ursache dieses nächtlichen Spuks zu forschen und ihre Meinungen auszutauschen. Überall auf den Straßen sah man dichte Gruppen angsterfüllter Menschen stehen, die weitere Erdstöße befürchteten. Aber die unterirdischen, geheimnisvollen Mächte schienen ausgetobt zu habe und allmählich beruhigten sich die erschreckten Menschen wieder. Allerdings will man Nachts gegen 1 Uhr noch einen schwachen Erdstoß bemerkt haben, der aber jedenfalls sehr unbedeutend war.Über das Erdbeben:
Ein biederer Bürgersmann, der ob des Erdstoßes aus Schlaf und Traum geweckt wurde, hörte im kritischen Moment nur das Schreies seiner Hühner. "Da muss ein Marder im Stalle sein", und zog sich flugs an, um mit seinem getreuen "Bello" eine Revision im Hühnerstalle vorzunehmen. Auf seinen Befehl "Bello fasse" war dieser auch schon mitten unter dem Federvieh, doch nicht um dem vermeintlichen Marder an den Kragen zu gehen, nein - sondern um einem der schönsten Legehühner den Kopf abzubeißen. Wieder ein Beweis für die Wahrheit des Sprichwortes: "Blinder Eifer schadet nur." Da lob ich mir jenen Winzer, der heute morgen auf die Frage, obs bei ihm auch gewackelt und er sich gefürchtet habe, prompt antwortete: "Ich werd mich fürchte, des Wackeln habe ich schon längst gelernt vum Neue."
Die Erdbebenwarte auf dem Königstuhl teilt uns mit: Der erste Stoß setze um 10 Uhr 25 Min. 10 Sek. ein und dauerte 7 Sekunden. Die Bewegungen dauerten über eine halbe Stunde. In der Nacht wurden 7 weitere Stöße vom Seismographen angezeigt. In verschiedenen Orten wurde um 10 Uhr 25 Min. eine kometenartiger feuerstrahl am Himmel beobachtet, der die Möglichkeit offen läßt, daß es sich um den Niedergang eines Meteorit handelt. Zu der Meteorbeobachtung wird aus Rohrbach geschrieben ,da ß auch dort ein heller Lichtschein beobachtet wurde . Dieses gleichzeitig mit dem Erdbeben beobachtete Naturereignis steht jedoch wie Sachverständige urteilen, in gar keinem ursächlichen Zusammenhang mit dem Erdbeben, sondern die zeitliche Übereinstimmung ist lediglich einem Zufall zuzuschreiben. Der Herd des Erdbebens dürfte Wohl ij Kaiserstuhl zu suchen sein, da dort die Stöße am stärksten zu bemerken waren. Es ist das seit 47 Jahren - 1864 - erste stärkere Erdbeben in der Rheinebene.
Anmerkung: Aufgrund der Schäden wird die Stärke des Bebens heute auf 6,3 auf der nach oben offenen Richter-Skala geschätzt.

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