9. Februar 1945, 12:00 Uhr:

Das deutsche U-Boot U-864 befand sich auf dem Rückmarsch zu seinem Stützpunkt in Bergen. Von dort aus war es am 7. Februar   zu einer weiten Reise nach Fernost ausgelaufen.

Aber bereits einenTag später mußte das Boot wegen eines Maschinenschadens  umkehren. Das 87,6 Meter lange U-864, ein 1400-Tonnen-U-Boot vom Typ IXD2, war voll bepackt mit modernster Hochtechnologie und kriegswichtigen Gütern, die für Japan bestimmt waren. U-864 war 1944 vom Kampfboot zum Transportboot umgebaut worden. Es hatte unter anderem Flugzeugteile und Zeichnungen der modernen Messerschmitt-Jäger Me 262, Me163 sowieTriebwerkskomponenten von Junkers und BMW an Bord. U-864 fuhr seit Stunden mit geringer Geschwindigkeit im Zickzackkurs unter Wasser  und war seinem Ziel, der Einfahrt zum sicheren Fjord nach Bergen, bereits sehr nahe. Niemand im Boot konnte ahnen, dass das ebenfalls getaucht operierende englische U-Boot VENTURER bereits  zwei Stunden zuvor die lauten Maschinengeräusche von U-864 mit dem Horchgerät erfaßt und die Verfolgung aufgenommen hatte.


Um 12:10 war es soweit:

Die VENTURER hatte sich positioniert, hatte ihre Beute endlich vor dem Bug. Vier Torpedos verließen hintereinander im Fächer abgeschossen dei Torpedorohre. Einer davon traf U-864, die anderen explodierten an den Felswänden der Insel Fedje. Der VENTURER-Kommandant Launders schreibt später in seinem Bericht, das er nach der heftigen Explosion Berstgeräusche gehört habe und danach Geräusche von kleineren Explosionen, die wahrscheinlich von den Batterien ausgelöst wurden.
Nachdem absolute Ruhe eingekehrt war, fuhr Launders zur ca. 2km entfernten Untergangstelle. Dort schwammen in einem dicken Ölteppich viele tote Fische und unidentifizierbare Holzstücke. Und in einiger Entfernung lagen kleine Fischerboote, die offenbar seelenruhig ihrem Handwerk nachgingen und scheinbar nicht ahnten, dass sich soeben unter Wasser eine Tragödie ereignet hatte, bei der innerhalb weniger Sekunden und Minuten  das Leben von 75 Menschen ausgelöscht worden war. Dabei kam auch ein Rheingönheimer, nämlich der Maschinen-Obergefreite Willi Transier ums Leben. Und dies kurz vor seinem 21. Geburtstag.

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Mai 1997:

Während eines Besuchs bei Gretel und Reinhold Mantay erfuhr ich, dass deren Neffe Willi Transier kurz vor Kriegsende auf einem U-Boot ums Leben gekommen war. Reinhold Mantay konnte sich sogar noch an den Namen des U-Boot-Kommandanten - Ralf-Reimar Wolfram - erinnern.
Da ich mich schon seit vielen Jahren für dieTechnik und Schicksale deutscher U-Boote interessiere und in der eigenen Familie ebenfalls ein U-Boot-Fahrer ums Leben gekommen war, nahm ich spontan die Spurensuche nach Willi Transier auf. Ein Portrait-Foto von ihm, das mir Gertel Mantay gezeigt hatte, faszinierte mich sofort. Noch am gleichen Tag fand ich in einem meinen Bücher die Geschichte vom tragischen Verlust des U-Boots U-864und noch am gleichen Tag verfaßte ich erste Briefe an Archive in Berlin, Freiburg, Cuxhaven und Washington. Nach zwei Jahren, so meine ursprüngliche Vorstellung, hätte ich bestimmt alle Einzelheiten über das Boot und seine Besatzung zusammen, wäre ich bestimmt in der Lage, das Seemannsgrab von Willi Transier zu besuchen.

Bis zum Jahr 1999  hatte ich mir aus Archiven in den USA, England und Deutschland zwar ettliche Informationen über die Fracht und Besatzung von U-864 beschafft. Der Wunsch aber, an der Stelle sein zu können, an der U-864 im Jahr 1945 versenkt worden war, erfüllte sich nicht. Dennoch kam ich im September diesen Jahres mit dem Boot in Berührung. Bei einem Besuch auf der norwegischen Insel Fedje, vor deren Küste U-864 nun schon seit Jahrzehnten vergessen und unbeachtet auf dem Meeresboden liegt, traf ich einen Fischer, der mir eine Messing-Armatur mit Hakenkreuz zeigte. Ich sah sofort, dass es sich um einen Luftfilter handelte, der sehr wahrscheinlich von einem U-Boot stammte.

Wo hatte der Fischer das Teil aus dem Meer gefischt? Beim Vergleich der mir bekannten Koordinaten vom Untergangsort mit denen, die der Fischer an der Fundstelle des Filters mittels GPS ermittelt hatte, stellte sich heraus, dass es sich nur um das Wrack von U-864 handeln konnte. Später Untersuchungen am Wrack bestätigten meine Vermutung.


September 2003:

Inzwischen hatte ich herausgefunden,dass U-864 nicht nur modernste Hochtechnologie und kriegswichtige Güter an Bord hatte, sondern auch 1867 mit Quecksilber gefüllte Stahlflaschen mit einem Gesamtgewicht von ca. 60 Tonnen. Was würde passieren, wenn nach Jahrzehnten aus den inzwischen im Boot verrosteten Flaschen Quecksilber ausfließen würde? Was würde eine solche Katastrophe für das Meer, den Meeresboden und die Fische bedeuten? Da schien von U-864 eine Umweltgefahr ungeahnten Ausmaßes auszugehen.

Deshalb entschloß ich mich, das norwegische Umwelt-Ministerium und andere Institutionen auf die drohende Gefahr hinzuweisen. Die Behörden reagierten zunächst etwas konfus und mit Verwunderung, verfielen aber kurz danach wieder in ihren Dauerschlaf.

Erst nachdem die Fischerei-Industrie, die norwegische Presse und Umwelt-Organisationen massiv gegen die Untätigkeit des für die  Beseitigung der Quecksilbergefahr zuständigen Küstenschutzes, dem KYSTVERKET,  protestierten, entschloß sich dieser, sich endlich des Problems anzunehmen.


Oktober 2005:

Die norwegische Küstenschutzorganisation KYSTVERKET läßt das Wrack von U-864 von der Firma GEOCONSULT untersuchen. Mit einem ROV ( Unterwasser-Roboter) werden das Wrack und sein näheres Umfeld erkundet. Am 5. Oktober habe ich die Gelegenheit, zusammen mit einem Team von SPIEGEL-TV auf dem Spezialschiff GEOBAY die Wrackerkundung an einem Monitor zu verfolgen. Es ist gespenstisch. Ca. 30 Minuten nachdem das mit Scheinwerfern und Unterwasserkameras in 140 Meter Tiefe das Wrack erreicht hat, taucht das dicht bewachsene, schräg im Seeboden steckende Achterschiff  von U-864 am Bildschirm auf.  Das ROV gleitet am Wrack entlang, begleitet von neugierigen Fischen, die zum ersten mal ihr Umfeld wahr nehmen, in dem sie sonst in absoluter Dunkelheit leben müssen. Die Kamera und die Scheinwerfer sind auf die Backbordseite gerichtet, hinter der sich der Maschinenraum befindet. Und darin sind bis heute die sterblichen Überreste von Willi Transier und seinen Kameraden eingeschlossen.

Das Wrack, besteht aus zwei Teilen - dem Vorschiff und dem Achterschiff.  Die Zentrale mit dem Turm fehlt. Sie wurde durch den Torpedo total zerstört, das heißt förmlich auseinander gerissen. Unzählige Trümmerteile auf dem Meeresboden zeugen von einer verheerenden Explosion. Vorschiff
und Achterschiff liegen ca. 40 Meter auseinander. Der Bug des Vorschiffs zeigt direkt in Richtung das Heck. Es muß ein grausamer Tod gewesen sein, von dem damals U-864 und seine Mannschaft kurz vor der  Heimkehr in den sicheren Stützpunkt überrascht worden waren.

Die Untersuchungen der GEOBAY haben inzwischen übrigens ergeben, dass der Meeresboden mit Quecksilber kontaminiert ist und noch volle Quecksilberflaschen im Schlick stecken. Im nächsten Jahr soll die tödliche Quecksilberfracht von U-864 geborgen werden. Ob dabei das Boot gehoben werden muß, steht noch nicht fest. Fest steht nur, dass die Operation sehr viel Geld kosten wird. Man rechnet mit  80-120 Millionen Euro.

Eigentlich habe ich nach 81/2 Jahren mein Ziel erreicht. Ich war an Willi Transiers Grab gewesen. Was ich davon habe? Dass U-864 nach sechs Jahrzehnten aus der Vergessenheit förmlich aufgetaucht und wieder gegenwärtig ist - mit all den Bildern und Schicksalen von den Männern, die damals zu Opfern wurden.

 

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Dass Angehörige der Toten von U-864 auch heute noch Trauer empfinden, sich immer noch gern des Vaters, Bruders Onkels oder Cousins erinnern und Kontakt zu mir suchen, berührt mich sehr. Auch heute noch - 60 Jahre nach der Versenkung von U-864  - sind für manchen Angehörigen Fragen offen,  die ich inzwischen allerdings beantworten kann.

So werden die Fragen nach dem  Wo und Wie das U-Boot versenkt wurde, oder ob die Besatzung an Bord von U-864 sofort tot war oder Todesqualen erdulden mußte, am meisten gestellt. Es überrascht mich, wie interessiert und dankbar Angehörige bisher reagierten.

Mir liegt daran, dass uns die Erinnerung an Willi Transier erhalten bleibt. Zumindest noch für eine lange Zeit. Denn er war einer von uns.

Text: Wolfgang Lauenstein Foto: Wolfgang Lauenstein

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