Feiner Sprühregen geht nieder, hüllt die Landschaft in einen grauen Schleier. Melancholisch breitet er sich aus, umfängt er die Gemarkung von Rheingönheim. Weit und breit ist es vor die Tore von Ludwigshafen hingelagert. Wie aus einem Nichts greifen seine beiden Türme in das Firmament, daß sich endlos über seinem Weichbild wölbt. Sonst scheint alles weggewischt und ausgestorben. Nur die mächtig qualmenden Schlote von Giulini geben Kunde, daß hinter dem grauen Schleier noch pulsierendes Leben herrscht, eine der Lebensadern Rheingönheims hier im ununterbrochenen Rhythmus schlägt. Bauernwagen kreuzen jetzt unseren Weg. Langsam holpern sie über das grobe Pflaster. Eine Peitsche knallt und erinnert uns, daß Rheingönheim noch eine Anzahl "Ritter von Ahr und Halm" beherbergt.
Stolz und behäbig säumen Häuser und Höfe die breite Straße, in die wir jetzt einbiegen. An der protestantischen Kirche machen wir halt. Ehrwürdig ist ihr Alter. Der Mörtel bröckelt vom Mauerwerk. Seine Steine können erzählen von Rheingönheims vielgestaltiger Geschichte. Denn wohl kaum ein Dorf um Ludwigshafen blickt auf eine solche Vergangenheit. Der Skelettfund am "Hohen Weg" hat dies vor einigen Jahren erneut bestätigt. Nach ihm und seinen Beigaben zu schließen hat die Siedlung alle Perioden der Kulturgeschichte durchgemacht. Von der Steinzeit über die Bronze- und Eisenzeit bis zum Einbruch der Römer, die hier ein mächtiges Kastell errichteten.
Unter Kaiser Claudius 41 bis 54 nach Christus, scheint es erstanden zu sein als Brückenkopf der großen Heerstraße Neustadt-Heidelberg. Hier haben dann auch die Bangionen ihre Kräfte mit den Römern gemessen, haben sie deren Lager bestürmt und es im Winter von 69 auf 70 nach Christus wieder dem Erdboden gleichgemacht. Das war somit vor mehr als 1800 Jahren. Mit dem Vordringen der römischen Legionen rechts des Rheines wurde das Kastell dann Beneficarierstation, die den Namen "Rufinlana" führte, eine "Gendarmeriestation" der Etappe. Stempel der VII. Legion aus Straßburg und Sigilatten aus dem 2. Jahrhundert geben davon noch Kunde. Ebenso die zahlreich gefundenen Münzen.
Das Historische Museum der Pfalz birgt ganze Truhen von solchen aus der Kaiserzeit wie aus der Republik. Auch Familienmünzen aus den Jahren 69 bis 243 n. Chr. sind dort zahlreich vertreten und beweisen, daß einer der bedeutendsten Plätze eines der Hauptbollwerke der römischen Herrschaft am Rhein gestanden haben muß. Das bestätigen auch die Funde eines großen Militärbades mit Kaltwasser, Warmwasserdampf, das östlich vom Kastell festgestellt wurde. Weinfäßer aus Holz mit den Fabrikantennamen Perpetuus, Figillus, Benessus und Cobnertus, ferner aus Südfrankreich importierte "Terrasigillata"-Gefäße, Glasgefäße, prachtvolle Glaskannen mit geflochtenen Henkeln, Gewandnadeln, Tonlampen und Metallspiegel lassen aber erkennen, daß sich neben der "Beneficiarierstation" auch eine große Zivilniederlassung hier eingerichtet hatte.
Sie stand mit dem nahen "Alta ripa" noch im 3. und 4. Jahrhundert in engstem Verkehr. Erst die von rechts des Rheins einbrechenden Wandalen und andere germanische Stämme scheinen "Rufiana" endgültig zerstört zu haben. Später folgten die Hunnen. Unter den Hufen ihrer Steppenpferde vielen die letzten blühenden Halme, unter ihren Brandfackeln gingen die letzten Hütten der Fischer und Bauern in Flammen auf. Rheingönheims Fluren verödeten. Erst im Jahre 831 erscheint wieder von ihm die erste Kunde. In einem Schreiben Ludwig des Frommen an das Kloster Brünn steht der Name "Geginheim".
In einer anderen Urkunde aus dem 12. Jahrhundert wird das Dorf "Ginningheim", dann "Geinheim" und 1426 erstmals "Ryngeinheim" genannt. Es scheint also im frühen Mittelalter, besonders aber im dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen, mit dem Blühen der Klöster und Kirchen, der Abteien und Bischofssitze Worm und Speyer wieder zu Namen und Bedeutung gelangt zu sein. Wohlstand und Kultur hielten wieder Einzug. Und wo einst die alte Mythrasstatue gestanden, erhob sich bald eine christliche Kirche.
Ritter Marquard von Stein und Frau - aus Stein bei Frankenstein hatten dann noch im Jahre 1203 eine eigne Pfarrei durch Stiftungen errichtet. Bis dahin hatten die Patres von Altrip, die ja auch im benachbarten Medinheim, dem heutigen Neuhofen, eine "Hochmühle" unterhielten, den Gottesdienst in Ryngeinheim versehen müssen. Neben dem Domstift Speyer, dem Kloster Limburg und Schönfeld bei Bad Dürkheim und Hördt, waren es namentlich die Ritter von Friesenheim, die Grafen von Leiningen, die Edeln von Gaulheim, von Schwarzenberg, von Helmstat, von Walsenheim, die Schenken von Erbach, die Wild- und Raugrafen von Dhaun an der Nahe und die von Hirzborn oder Hirschhorn, die in Ryngeinheim begütert waren oder Lehen unterhielten. Namentlich die Hirschborns spielten hier eine große Rolle, waren bis zur Zeit der Reformation die größten Grundbesitzer.
Viele übten auch die Gerichtsbarkeit aus, unterstützt von 7 - 8 ortsansässigen Männer, von denen auch das Grundbuch geführt wurde. So werden 1467 genannt: Peter Ruffan als Schultheis, Hensel Rhynwath als Altschultheis und Hans Ziegler, Hänsel Cünlin, Peter Wiler, Kellers Cleusel, Hans Muerer und Kleusel Hugs als geschworene Schöffen des Gerichts. Im Jahre 1572 setzte sich das Gremium zusammen aus Schultheis Hans Klein, Debolt Züdgraff, Medart Bauer, Jakob Küster, Valentin Mondenheimer, Hans Haugt, Martin Haugt, Peter Schmidt und 1595 hießen die Ortsgewaltigen: Schultheis Peter Bauer, Jakob Riester, Michael Klump, Hans Haud, Peter Baumann, Ridel Haud und Walter Friedt. Sie zählen zu den ältesten Bürgerlichen, zu den ältesten Bauern Rheingönheims. Aber nur wenige der damaligen Familien sind noch vorhanden.
Kriege und die Hochwasser des Rheins, von denen sich besonders die von 1467 und 1572 katastrophal für den ganzen Ort und seine Gemarkung auswirkten, dezimierten die Bauern, ließen sie fliehen, auswandern und aussterben; denn ihr Grundbesitz war ja klein und konnte solche Krisen kaum überstehen. Nachdem nun auch seit einigen Jahren die alte Fischerdynastie Snieder oder Schneider, die seit 1425 urkundlich in Rheingönheim genannt wird, ausgestorben ist, sitzen nur noch die Deuschel, Gimmy und Frey auf ihren Höfen und setzen die Tradition der alten Bauerngeschlechter fort. Sie haben den Dreißigjährigen Krieg, die Raubkriege Ludwig XIV. und die der Revolutionskriege überstanden, Wirtschaftskrisen und der Industriealisierung getrotzt.
Trotzdem wurden sie im Dorf mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, mußten ihre schönen Fachwerkhäußer der neuen Zeit weichen. Nur ein originelles, das Kohlenhändler Karl Müller gehörige, steht noch. Sein Spruch, der die Giebelwand ziert, legt Zeugnis ab von der kerndeutschen Gesinnung seiner Besitzer.
Aus: Gerneral-Anzeiger vom 01.02.1936







